Hilfe ich bin so ambivalent…

Posted by on Feb 2, 2019 in Allgemein

Wenn wir kein oder wenig Bewusstsein über unsere Bindungs-Erfahrungen haben, wiederholen wir automatisch die Muster, die wir in der Kindheit mit unseren Bezugspersonen gemacht haben. Wir projizieren diese alten Erfahrungen auf unseren (potenziellen) Beziehungspartner und bringen somit unsere Beziehungs-Vergangenheit erneut auf die Bühne. Das kann uns davon abhalten glücklich in Beziehung zu sein, wenn die ursprünglichen Erfahrungen nicht adäquat waren.

Warum? Was bedeutet das genau?

Um das zu verdeutlichen, möchte ich die Geschichte eines Klienten darstellen.

Ingo (Name geändert) beschrieb sich als ambivalent den Frauen gegenüber, von denen er sich angezogen fühlte. Seine emotional labile Mutter benutze ihn als Kind als „Retter“ und suchte Halt bei Ihrem Sohn, z.B. wenn sie mit Ihrem Mann, dem Vater des Klienten, stritt. Ingo fühlte sich dadurch überfordert und nicht in seinen eigenen Bedürfnissen gesehen. Die Mutter forderte Nähe und Trost ein und verhielt sich damit grenzüberschreitend. Und so assoziierte Ingo, Nähe mit der Retter-Rolle, Unfreiheit und Vereinahmung.

Unbewusst wiederholte er in Beziehungen dieses alte Muster, indem er sich zu Frauen hingezogen fühlte, die einen bedürftigen Anteil haben und sich gerne an eine starke Schulter anlehnen. Zu Beginn fühlte es sich gut und vertraut an aber je näher und enger dann die Beziehung wurde, umso unfreier fühlte sich Ingo. Er schloss dann mehr und mehr sein Herz, so dass er bereits nach kurzer Zeit keine Gefühle mehr für die betreffenden Partnerinnen hatte und sich trennte.

Die Ambivalenz Ingos erklärt sich so:
Einerseits schreckten ihn die Bedürftigkeit und die indirekten Forderungen einer Frau ab, andererseits ist das Muster ja seit Kindheit bekannt und er konnte dadurch seine Retter-Identität bestätigen. Das gab ihm eine gewisse Sicherheit und eine Machtposition und außerdem gab es ja auch schöne, nahe und wunderbare Momente. Wurde es dann aber näher in der Beziehung, wuchs auch die Angst vor Vereinnahmung immens an, so dass Ingo sich trennen musste. War er dann getrennt, vermisste er dann aber die Nähe.

Nähe und Bindung hat Ingo somit in einer bestimmten unfreien Weise erfahren, in einer Art und Weise, dass eine Frau (seine Mutter) energetisch an ihm zog,  seine Grenzen und Bedürfnisse nicht respektierte. Zu Partnerinnen, die ihm seinen Freiraum geben würden und nicht bedürftig waren, fühlte er sich aber nicht hingezogen.

Interessant ist, dass wir uns immer wieder zu den Menschen hingezogen fühlen, die unsere alten Erfahrungen und Überzeugungen bestätigen, die uns „antriggern“.

Wir projizieren dann aktiv unsere Erfahrungen und Erwartungen auf diese Person. D.h. vielleicht würde unser Gegenüber sich mit einer anderen Person ganz anders verhalten. Die Dynamik wäre einen andere. Die Projektionen aber passen oft idealerweise so zusammen, dass sich beide in ihren ursprünglichen Erfahrungen bestätigen.

Um aus dieser unguten Beziehungsdynamik auszusteigen, ist es sinnvoll sich zuerst mal über die ursprünglichen Erfahrungen und den daraus resultierenden Überzeugungen bewusst zu werden. Je bewusster wir uns sind, umso mehr können wir verändern, denn heute sind wir keine abhängigen Kinder mehr, sondern freie erwachsene Menschen. Mit mehr Bewusstsein sind wir ebenfalls in der Lage, unsere Projektionen von unserem Gegenüber zu nehmen und die echte Person zu sehen/erkennen.